Die Fotografin als Feldforscherin

Stephanie Steinkopfs Arbeit „Manhattan – Straße derJugend“ und die sozialkritische Dokumentarfotografie in Deutschland.

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In der Sozialforschung gibt es den Begriff der »Teilnehmenden Beobach- tung«. Diese Methode der Feldforschung soll es ermöglichen, Kulturen, die einem fremd sind, zu deuten und zu verstehen. Traditionell untersuchten Ethnographen sogenannte Stammesgesellschaften, in der Regel außereuropäische Völker. Mit dem Aufkommen der modernen Ethnologie seit den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Erfahrungen der Feldforschung auch auf die Untersuchung der westlichen Industriegesellschaften angewandt. Da sich hieraus das Problem der mangelnden Distanz ergab, entwickelte die Wissenschaft Methoden, mithilfe derer der Forscher seine eigene Rolle und Herangehensweise mit in die Beschreibung und Interpretation aufnehmen und reflektieren kann. Der Beobachter wird sozusagen Teil des Beobachteten. Mit dieser persönli- chen Präsenz inmitten der »Forschungsobjekte« werden Aspekte sichtbar, die mit der sonstigen Distanz des Wissenschaftlers nicht zugänglich wären.

 

Diese lange Einleitung erscheint notwendig, weil mit ihr die Arbeitsweise von Stephanie Steinkopf präzise beschrieben werden kann. Und wie es der Zufall will, hat die Fotografin einst Musikethnologie studiert und ist damit einschlägig vorgebildet. Auch wenn ihr dieser Zusammenhang nach eigener Aussage erst spät aufgefallen ist, erinnert ihre Vorgehensweise, also die Tatsache, dass sie die Bewohner »Manhattans« über mehrere Jahre hinweg immer wieder besucht und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, den Betrachter sehr schnell an die ethnologische Methode der Feldforschung. Ohne die physische Präsenz in dem tristen Plattenbau am Rande Letschins über einen langen Zeitraum und ohne die Interaktion mit der sozialen Gruppe der Bewohner, ja mehr noch, ohne eine eigene Rolle in diesem Gefüge, wären ihr wohl kaum solch intensive Porträts gelungen, die von Nähe und unbedingtem Vertrauen der Porträtierten in die Fotografin zeugen. Der Verantwortung, die sich daraus ergibt, ist sich Steinkopf bewusst. Der große Erfolg von »Manhattan« – Ausstellungen, zahlreiche Preise, (Fernseh-) Interviews, Veröffentlichungen – sei häufig eine Gratwanderung, wie sie betont. Stets müsse man neu aushandeln, wie weit man gehen könne und wolle, um die Bewohner des Plattenbaus nicht bloßzustellen und einen Armutsporno daraus zu machen. Bis heute fährt sie regelmäßig nach Letschin, um sich des Einverständnisses der Leute zu versichern und ihnen auch mal abzuraten, Boulevardmedien Interviews zu geben oder bestimmte Fernsehsender und ihre Anfragen zu meiden.

 

Die große Aufmerksamkeit, die »Manhattan« erfuhr, liegt auch darin begründet, dass Arbeiten wie diese in der hiesigen Fotoszene nicht häufig zu finden sind. Fotojournalismus und Dokumentarfotografie haben in Deutschland an sich einen guten Stand, verfügen über eine lange Tradition, die bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts reicht, und decken eine Vielfalt von Themen ab. Die Ausbildungsmöglichkeiten für Fotografen sind reich gesät und jedes Jahr drängen zahlreiche Talente mit politisch und sozial ambitionierten Reportagen aus der ganzen Welt auf einen hart umkämpften Markt. Nur die Gegebenheiten im eigenen Land bleiben oft seltsam unterbelichtet.

 

Es ist ein merkwürdiges Phänomen, dass es viele deutsche Fotografen regelmäßig hinaus in ferne Länder zieht, von wo sie hervorragende Bilder über die Ungerechtigkeiten in der globalisierten Welt mitbringen, die sozialen Brennpunkte vor der eigenen Haustür aber nur selten the- matisiert werden. Sicher gibt es für jede These Gegenbeispiele, aber schaut man sich die Preisträger wichtiger deutscher Wettbewerbe aus dem Dokumentarfotobereich in den letzten Jahren an, fällt auf, dass es eine Scheu zu geben scheint, sich den Friktionen im eigenen Land fotografisch zu nähern.

Das mag damit zu tun haben, dass die meisten Fotografie- und auch Kunststudenten vermutlich aus Mittelschichtmilieus stammen, denn solch ein Studium erfordert heute beträchtliche finanzielle Mittel. Ist es eine Art von Verdrängung, lieber indische Straßenkinder als die Abgehängten und Deklassierten der eigenen Gesellschaft zu porträtieren und sich damit gleichzeitig mit dem Problem auseinandersetzen zu müssen? Vielleicht sind

es auch die Jurys dieser Fotowettbewerbe, deren Mitglieder in der Regel aus dem saturierten Kunstbetrieb stammen, und die lieber die x-te Reportage über das Elend in Afrika prämieren, weil das weit genug weg ist. Über fernes Elend lässt sich eben leichter betroffen sein als über die immer sichtbarer werdenden Ungerechtigkeiten hierzulande, bei denen man sich Fragen nach der Mitverantwortung stellen müsste.

So ist das Erschrecken beim Betrachten der Bilder darüber, dass es solcherart Armut wie in »Manhattan« mitten unter uns gibt, auch dem Nicht-Thematisieren bzw. Nicht-Wahrhabenwollen einer fortschreitenden sozialen und kulturellen Verwahrlosung in unserem Land geschuldet. Stephanie Steinkopf ist es zu danken, dass sie uns den Spiegel vorhält und uns dazu zwingt, unsere eigenen Ängste vor einem jederzeit möglich scheinenden sozialen Abstieg zu reflektieren. Ihre neueste Arbeit »Vogelfrei« über obdachlose Frauen in Berlin lässt hoffen, dass sie das auch weiterhin tun wird.

Frank Schirrmeister, Dezember 2015

Written by web136