Ein Klosett in der Wüste

Christoph Bangert zeigt in seinem neuen Bildband »hello camel« die absurden Seiten des Krieges. Eine Rezension.

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Die allermeisten Bilder, die ein professioneller Fotograf im Laufe seines Berufslebens macht, landen im Hades. Man darf getrost davon ausgehen, dass das eine Bild, welches wir in der Zeitung sehen, unzählige andere Aufnahmen in der Endauswahl verdrängt hat. Beerdigt auf Festplatten oder anderen Speichermedien, dämmern die Daten letztlich vor sich hin und erblicken wohl nie mehr das Auge eines Bildredakteurs.

Der Fotograf Christoph Bangert mag sich damit nicht abfinden. Bangert, Jahrgang 1978, bereist im Auftrag u.a. der »New York Times« seit Jahren die verschiedenen Kriegsschauplätze. In seinem ersten Buch »War Porn« (nd vom 22.9.2014) öffnete er seine digitalen Schubladen, um all die ungedruckten und eigentlich undruckbaren Bilder aus den diversen Kriegen an die Öffentlichkeit zu bringen. Sein damaliger Vorwurf: Journalisten und Bildredakteure betrieben, bewusst oder unbewusst, (Selbst-)Zensur, wenn sie ihren Lesern all die schrecklichen Bilder eines Krieges vorenthielten, um sie vermeintlich zu schonen. Sein Buch erregte einiges Aufsehen und wurde in Fachkreisen heftig debattiert.

Nun hat Bangert seine Schatulle erneut geöffnet. In »hello camel« präsentiert er uns eine sorgfältig durchdachte Auswahl an Bildern aus Irak und Afghanistan, mit denen er uns die Absurdität des Krieges vor Augen führen möchte. Es sind Aufnahmen, die wie nebenbei entstanden sind, keine Kriegshandlungen, sondern das Drumherum, sozusagen die soft facts des Krieges zeigen. Es sind Bilder, die man sonst so nicht zu sehen bekommt – der banale Kriegsalltag ist normalerweise nichts, was die Medien interessiert. Bangert beweist mit seinen Bildern Gespür für die Momente, in denen Normalität und (Kriegs-)Chaos zusammenprallen und der Irrwitz des Krieges deutlich wird.

In seinem Vorwort belehrt er uns, dass Krieg – natürlich – nichts Spaßiges sei und um jeden Preis vermieden werden müsse. Um jeden Preis! Und dennoch: nie habe er soviel gelacht wie im Krieg. Nie zuvor und danach habe er etwas so Absurdes und Merkwürdiges wie einen bewaffneten Konflikt erlebt. Was er damit meint, wird in Bildern deutlich wie dem, auf welchem ein afghanischer Zivilangestellter im hochgesicherten Feldlager kleine Partyspiele für die soldatische Feier zum amerikanischen Unabhängigkeitstag vorbereitet. Ein Motiv, welches mehrfach wiederkehrt, ist der Versuch, etwas Normalität im Krieg zu bewahren, und sei es dadurch, dass Soldaten ihren Unterstand mit dekorativen Postern verschönern. Für Bangert sind sie ein Schrei nach Ordnung inmitten des Chaos. Schließlich sei es die Sehnsucht nach Ordnung und Normalität, die uns am Leben erhalte.

Nun kann man geteilter Meinung darüber sein, ob das Lachen über die Absurdität des Krieges, zu dem Bangert uns einlädt, wirklich ein befreiendes Lachen sein kann. Natürlich ist es skurril, wenn in der afghanischen Wüste ein improvisiertes, nichtsdestotrotz ordentliches Klosett für die deutschen Soldaten steht. Aber macht das Schmunzeln darüber uns nicht schon zu Komplizen? Schließlich bedeutet Lachen immer auch Affirmation. Indem wir über eine Abweichung von der Norm lachen, bestätigen und versichern wir uns gleichzeitig ja dieser Norm. Letztlich ist ein deutsches Klo in der afghanischen Wüste jedoch ein Gegenstand, der dort nicht hingehört und eher befremdlich denn kurios erscheint. Immerhin geht es um die deutsche Beteiligung an einem Angriffskrieg der USA gegen Afghanistan. Solcherart Einordnung ist sicherlich nicht das Geschäft eines Fotografen, dennoch schwingt dieser Kontext bei der Rezeption der Bilder mit, ob man es will oder nicht.

Die Intensität der Bilder seines ersten Buches fehlt in »hello camel«. Mit der aufwendigen Ausstattung des Buches und den sorgfältig ausgewählten, wohl komponierten Bildern zielt Bangert offenbar auf den Kunst(buch)markt. Daran ist nichts Verwerfliches, es nimmt dem Buch allerdings die Dringlichkeit, die »War Porn« zu einem bedeutsamen Buch machte. Seine Vorliebe für die Zentralperspektive beißt sich zudem mit der Tatsache, dass alle Bilder großformatig über die gesamte Doppelseite gedruckt sind, da hier der Bundsteg doch sehr störend wirkt. Bangerts Verdienst ist es trotz der Einwände, eine Bildsprache gefunden zu haben, die überrascht und abseits der üblichen Dramaturgie von Kriegsbildern Interesse und Neugier weckt.

Christoph Bangert: »hello camel«, Kehrer Verlag 2016, 96 Seiten, 44 Abbildungen, 39,90 €

Frank Schirrmeister, August 2016

Written by web136