Migration und die Bilderflut

Ist die aufklärerische Mission des Fotojournalismus gescheitert? Ein Essay über die Inflation an Fluchtgeschichten in den Medien und ob Bilder wirklich die Macht haben, Veränderung zu stiften.

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Als uns im letzten Sommer die große Flüchtlingswanderung erreichte, gab es durchaus Leute, die dachten: endlich! Endlich werden auch wir Europäer gezwungen, die Zustände in der Welt zur Kenntnis zu nehmen, können wir uns nicht mehr bequem zurücklehnen, wenn wir die Nachrichten oder Bilder aus den überfüllten Flüchtlingscamps in Jordanien oder Libanon sehen, und können nicht mehr denken, das ginge uns nichts an. Spätestens seit die massenhafte Migration und Merkels »Wir schaffen das«-Rhetorik in Deutschland zu einem Rechtsruck und einer beispiellosen Polarisierung geführt haben, ist Wegschauen keine Option mehr.

Ist die aufklärerische Mission des Fotojournalismus gescheitert, haben all die Bilder von Elend und Not in den Kriegsgebieten keine Empathie erzeugen können? Das zu diskutieren, trafen sich Fotografen und deren Verwerter, Bildredakteure und Vertreter von Agenturen, zu einer Podiumsdiskussion in Berlin. Eingeladen hatte der Ostkreuz-Verein für Fotografie, der mit dieser Veranstaltung seinen Anspruch, eine Debatte über Fotografie und die gesellschaftlichen Implikationen anzustoßen, weiter verfolgte.

Quantitativ zumindest haben sich Fotografen nichts vorzuwerfen. Ihre Reportagen zum Thema Flüchtlinge sind Legion und füllen die Datenbanken der Fotoagenturen. Die Hälfte aller Bilder, die im Laufe des letzten Jahres bei Getty Images verarbeitet wurden, sind dem Thema Migration zuzuordnen, wie deren Cheffotograf Sean Gallup erläuterte. Alle wichtigen Auszeichnungen bei Fotowettbewerben gingen in diesem Jahr an Fotografen, die einschlägig unterwegs waren. Sei es das World Press Foto des Jahres von Warren Richardson, das einen Flüchtling mit seinem Baby am Grenzzaun von Ungarn zeigt, oder, ganz aktuell, die Pulitzerpreise, welche ebenfalls Flüchtlingsreportagen zugesprochen wurden. Für die Fotografen wird es jedoch zunehmend schwieriger, ihre Bilder und Reportagen an Magazine und Zeitschriften zu verkaufen. Die Inflation der Bilder steht einem nachlassenden Interesse der Medien und der Öffentlichkeit gegenüber. Es ist ja nicht so, dass heute jeder einzelne Deutsche elektrisiert wäre vom Thema Migration. In unserem Alltag sind wir nach wie vor weit entfernt von persönlicher Betroffenheit und wer will, kann sich dem Problem leicht entziehen, denn entgegen aller Befürchtungen »besorgter Bürger « ist die Flüchtlingsdichte in den meisten Regionen immer noch sehr gering.

Aber können Bilder überhaupt unser Handeln oder das der Politik prägen? Einig war man sich unter den Diskutanten über die enorm wichtige Funktion von Fotografie. Es gibt ja durchaus Beispiele für die die Politik verändernde Wirksamkeit einzelner Bilder. Zum Beispiel jenes von Aylan Kurdi, dem am Strand der Insel Kos angetriebenen, ertrunkenen Flüchtlingskind, das um die Welt ging und dabei ist, zu einer fotografischen Ikone zu werden – was leider auch beinhaltet, von Leuten wie Ai Weiwei für eigene PR-Zwecke missbraucht und degradiert zu werden. Den Namen des Kindes hat man längst vergessen, das Foto aber hat sich in die Köpfe eingebrannt und tatsächlich Handlungsdruck in der Politik erzeugt.

Und doch bleibt die Frage, ob Bilder jenseits dieses Einzelfalls wirklich eine Macht haben, die Veränderung stiften kann, oder ob die Masse an Bildern nicht eher zu Übersättigung und Lethargie führt. So gibt es unendlich viele Bilder, Geschichten, Reportagen von der Balkanroute und dem Elend, Leid und der blanken Not der aus einem erbarmungslosen Bürgerkrieg Fliehenden; geführt hat dies jedoch eher zu Abwehr, Verdrängung und dem aktuellen Wahlergebnis der Alternative für Deutschland (AfD). Das scheint ein unauflösbares Grundproblem zu sein: Die Fotografen, in der Regel weltoffene Kosmopoliten, meist links denkend, wollen mit ihren Geschichten gerne Sympathie und Empathie mit den Flüchtenden erzeugen, erreichen aber nur die Leute, die schon Sympathie und Empathie in sich tragen. Bei zu vielen anderen Menschen wecken dieselben Bilder Befürchtungen und schüren irreale Überfremdungsängste, ob man das als aufgeklärter Zeitgenosse nun wahrhaben will oder nicht.

Für die gutmeinenden Fotografen ist das durchaus ein erhebliches Problem. Niemand von ihnen ist dagegen gefeit, dass die eigenen Bilder und Geschichten umgedeutet und in einen anderen Kontext als den ursprünglich intendierten gestellt werden. Verstärkt wird diese Tendenz durch die sozialen Netzwerke. Gerade unter Rechten ist es beliebt, Fotos von Flüchtlingen zu nehmen, sie in einen erfundenen Zusammenhang zu stellen und damit den Kontext zu verfälschen. Der Urheber des Bildes ist machtlos, einmal im Netz, hat er die Verfügungsgewalt und Deutungshoheit über sein Bild verloren.

Um eine wünschenswerte Rezeption ihrer Bilder sicherzustellen, neigten einige Fotografen dazu, zu »politisch« sein zu wollen und damit die Objektivität des Journalisten aufzugeben, wie Sean Gallup von Getty Images warnte. Allzu schnell geriete man dahin, bestimmte Bilder zu machen, eine Schere im Kopf zu haben und eine Message rüberbringen zu wollen. Nein, widersprach Ostkreuz- Fotograf Jörg Brüggemann, gerade als Fotograf mit einer Haltung sei Subjektivität notwendig und unvermeidbar.

Dem ist sicherlich zuzustimmen, und mit diesem Bekenntnis zur Subjektivität ist die Agentur Ostkreuz ja zu einer der auch künstlerisch wichtigsten in Deutschland geworden. Aber zu fragen ist, und Georg Diez, Autor und Spiegel-Kolumnist, der die Debatte moderierte, tat dies, ob mit dieser subjektiv-empathischen Grundhaltung nicht ein Grundtenor verbunden ist, der zu einer falschen, weil einseitigen, Beschreibung der Flüchtlinge führt. Wie wäre es, fragte er, würde man sie nicht immer nur in Leid und Not und als Opfer der Umstände zeigen? Sondern auch als Menschen, die ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben, die stark sind und mutig? Könnte man nicht, anstatt sie permanent auf ihre Opferrolle festzulegen, ihre Flüchtlingsodyssee auch als Chance und als große Reise auf dem Weg zu Selbstbestimmung und Freiheit beschreiben? Das erfordert freilich eine Abkehr vom determinierten Bild des Flüchtlings als Geworfener im Strudel der Verhältnisse, könnte aber der Anfang einer Diskussion darüber sein, inwieweit die Migranten unsere satt gewordene Gesellschaft eher bereichern statt gefährden. Will man die momentane Diskurshoheit der AfD brechen, sollten wir diese Debatte schnellstens beginnen.

Frank Schirrmeister, April 2016

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