Leere Stadt

Seit 2007 ziehe ich mit einer Großbildkamera durch Berlin, immer am Wochenende, immer bei Tagesanbruch. Der Grund für das frühe Aufstehen: die Leere. Ich will die Stadt wie entseelt zeigen, auf ihre äußere Hülle, ihr nacktes Dasein reduziert, pur, leblos, ohne Menschen und möglichst auch ohne Autos. Die Wirkung ist verblüffend: Eigentlich schon tausend Mal Gesehenes wirkt auf einmal fremd und neu, die Konturen treten schärfer hervor. Im fahlen Licht des Morgens bröckelt die Schminke auf Berlins Gesicht und lässt die Stadt gleichgültig und abweisend wirken, als würde sie sich all den atemlosen Veränderungen wie ein bockiges Kleinkind entgegenstellen und doch wissen, dass sie stattfinden werden. Die Stadt, wie ich sie zeige, drängt sich nicht auf, sie wirft einem ihre Existenz trotzig vor die Füße – mag mich oder lass es bleiben.

Leere Stadt ist der Versuch, ein bestimmtes Bild von Berlin zu bewahren, der Stadt, deren einzige Konstante die ständige Veränderung ist. Als jemand, der hier geboren ist, fällt es mir schwer, Schritt zu halten mit dem schwindelerregenden Tempo, in dem sich die Stadt ständig neu erfindet. Oft habe ich das Ge fühl, dass Berlin nicht mehr mir gehört, sondern den Zwängen der globalen Tourismusindustrie unterworfen ist. Indem ich Berlin fotografiere, versuche ich, das populäre Image der Stadt aufzubrechen und zu hinterfragen, hinter die Fassade zu schauen und in die tieferen Schichten der Metropole einzudringen. Berlin als Stadt im stetigen Wandel ist das Grundthema der Arbeit. Die Orte, Straßen, Plätze und Gebäude, die ich zeige, sind größtenteils Orte der Veränderung, an denen in absehbarer Zeit nichts mehr so sein wird, wie es gerade noch zu sehen ist.