So viel Zeit muss sein

Mit »emerge« wagt sich ein neues, hochwertig gedrucktes Reportagemagazin für Fotografie auf den Markt.

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Es ist schon paradox – seit Fotografieren durch die Digitalisierung vermeintlich ein Kinderspiel geworden ist, sind wir heute überall von Bildern umgeben und ertrinken fast in der Bilderflut. Trotzdem wird der gute alte Fotojournalismus regelmäßig totgesagt, ist es immer schwieriger, längere Reportagen zu publizieren, kann kaum noch ein Fotograf nur von seinem Beruf leben. Die Gründe dafür sind vielfältig – einer ist sicherlich der Unterbietungswettbewerb bei den Bildhonoraren, bedingt durch die starke Konkurrenz bei gleichzeitig sinkender Honorarmenge. In Zeiten, in denen wegen der einfachen Zugänglichkeit der Technik massenhaft Fotografen auf einen schrumpfenden Markt drängen, müssen selbst renommierte Agenturen ihre Bilder zu Billigpreisen verhökern. Fallende Auflagen der Printmagazine und damit verbunden sinkende Budgets der Bildredaktionen tun ihr Übriges. Wo früher ein Fotograf für eine Reportage zwei Wochen nach Afrika reisen und seine Geschichte entwickeln konnte, werden heute vielleicht noch drei Tage bezahlt, wenn die Bilder nicht gleich günstig von Fotografen vor Ort angekauft werden.

Dass es trotzdem auch heute noch keinen Mangel an gut recherchierten und fotografierten Reportagen gibt, liegt vor allem am Enthusiasmus von Fotografen, die mit einer gehörigen Portion Selbstausbeutung ohne Auftrag ihre eigenen Themen verfolgen und meist schon gar nicht mehr erwarten, ihre Geschichte später zu kostendeckenden Preisen verkaufen zu können. Das zum Leben nötige Geld muss dann eben durch Brotjobs verdient werden. Bekanntere Fotografen schaffen es manchmal noch, projektbezogene Stipendien zu ergattern. Der größere Teil allerdings schlägt sich so durch, lebt von der Hand in den Mund und sieht mehr oder weniger entspannt der Altersarmut entgegen.

Bleibt das Problem der mangelnden Publikationsmöglichkeiten in den unter Spardruck geratenen klassischen Magazinen und Zeitschriften. Zwar haben sich durch das Internet und die Onlineportale der Medienhäuser die Gelegenheiten vervielfacht, seine Bilder irgendwo zu platzieren, zumal die Onlineredakteure dankbar für jede Art von Content sind, mit dem sie ihre Seiten füllen können. Selten finden hier jedoch der Anspruch des Fotografen und die Realität der vorformatierten, durch technische Gegebenheiten wenig variablen Online-Bildstrecken zueinander. Es ist eben ein himmelweiter Unterschied, ob man ein gut gestaltetes gedrucktes Magazin in der Hand hält, in dem man bedächtig die Seiten umblättern und den Geruch des Papiers einsaugen kann oder ob man sich rasch durch eine Bilderstrecke klickt, die nach kurzer Zeit schon wieder durch eine andere ersetzt wird, denn das Internet verlangt unersättlich und pausenlos nach Neuem. Die Onlineredaktionen nehmen, so scheint es, ihr Medium in dieser Hinsicht selbst nicht so ernst, denn die Honorare, die man für eine Online-Bildstrecke angeboten bekommt, sind in der Regel schändlich.

Was also machen als Fotograf, wenn das Analoge mehr und mehr verschwindet und dem schnellen Pulsieren des digitalen Zeitalters Platz macht? Genau, man gibt ein gedrucktes Magazin heraus!

So oder ähnlich haben sich das die Macher von emerge gedacht, als sie das Wagnis eingingen, ein neues, hochwertig gedrucktes Reportagemagazin aus dem Nichts zu entwickeln. Freilich gibt es emerge schon seit einigen Jahren als Onlineportal für „jungen, modernen Fotojournalismus“. Hier versucht die Redaktion um Mitbegründer Kevin Mertens, der klassischen Fotoreportage den Platz und Rang einzuräumen, den er in den einschlägigen Publikationen nur noch selten findet. Der Anspruch: erzählenswerte Geschichten zu präsentieren, neben Foto-Essays Reportagen aus Krisen- und Kriegsgebieten, aus dem Alltagsleben, Geschichten von bekannten und unbekannten Orten. Der Schritt zum gedruckten Magazin war schließlich folgerichtig, denn, wie im Editorial geschrieben steht, lesen „im Internet […] viele oft nur noch die Titel und Zusammenfassungen von Artikeln, auch Fotos werden innerhalb von Sekunden durchgeklickt. […] Wenn wir also wollen, dass sich jemand Zeit nimmt und die Geschichten zu Ende liest oder die Bilder in Ruhe betrachtet, ist ein hochwertig hergestelltes Printmagazin wohl kaum zu übertreffen.“ Dabei ginge es nicht darum, Print gegen Digital auszuspielen, sondern die Stärke des jeweiligen Mediums zu nutzen, die beim gedruckten Magazin eben in der Haptik des Papiers und der Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten liegt.

Um das finanzielle Wagnis der Herausgabe eines neuen Magazins auf möglichst viele Schultern zu verteilen, starteten die Macher eine Crowdfunding-Kampagne im Internet, die schließlich genügend Geld einbrachte, um die erste Ausgabe drucken zu können. Deren thematischer Schwerpunkt ist „Migration“, ein Thema, welches seit einigen Jahren an erheblicher Brisanz gewonnen hat. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute 232 Millionen Menschen in einem Land, das nicht ihre ursprüngliche Heimat ist. Angesichts der immer wiederkehrenden Meldungen über tote Flüchtlinge im Mittelmeer und der eher kläglichen „Willkommenskultur“ hierzulande, war es eine gute Entscheidung der Herausgeber, sich dieses Themas anzunehmen.

Die erste Ausgabe von emerge versammelt auf 120 Seiten im edlen Offsetdruck neun längere Fotoreportagen, begleitet von Einzelbildern, Texten und Interviews, die es allesamt wert sind, nicht auf die Schnelle konsumiert zu werden, stecken in ihnen doch jede Menge Zeit, großer persönlicher Einsatz, und Arbeit sowieso. Innerhalb der thematischen Vorgabe „Migration“ ist die Vielfalt der Geschichten beeindruckend; so besucht Dmitrij Leltschuk usbekische und kaukasische Gastarbeiter in St. Petersburg, oder begleitet Maria Feck über einen längeren Zeitraum die sogenannte „Lampedusa-Gruppe“, eine Gruppe von Flüchtlingen, die 2013/14 in Hamburg für Aufregung sorgte. Antonia Zennaro war in Libyen unterwegs, wo vermutlich hunderttausende Flüchtende auf ihre lebensgefährliche Überfahrt nach Europa warten und der Willkür der Milizen ausgeliefert sind. Der Berliner Jonas Ludwig Walter porträtiert einen libanesischen Landarzt in der Uckermark und erzählt, wie dieser dort eine neue Heimat gefunden hat – in einer Gegend, die sonst eher für Fremdenfeindlichkeit und Strukturschwäche bekannt ist. Auch Stefanie Schulz ist mit „Duldung“ vertreten, einer Reportage über das Leben von Flüchtlingen in einer saarländischen Erstaufnahmeeinrichtung, die bereits in unserer Zeitung zu sehen war.

Die gedruckte Version von emerge soll zukünftig zweimal im Jahr erscheinen. Ob das gelingt und die Resonanz auf das erste Heft groß genug ist, damit sich das Projekt finanziell trägt, bleibt abzuwarten. Schon jetzt gebührt den Machern aber Dank für den mutigen Versuch, der wachsenden Vormacht des Digitalen getrotzt zu haben – und wenn es am Ende nur ein Wimpernschlag war, bevor die Druckmaschinen endgültig stillgelegt werden.

Frank Schirrmeister, August 2015

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