Swingerclub und Beautyfarm: Reise durch ein fremdes Land

Ute Mahler besuchte 1990 im Auftrag eines Hochglanzmagazins die Brüder und Schwestern im Westen des noch geteilten Landes. Ihre Bildserie wurde letztlich nicht gedruckt.

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Frühjahr 1990. Die Mauer war gefallen, die neue Freiheit grenzenlos, und in der Noch-DDR lebte jetzt „das glücklichste Volk der Welt“ (Walter Momper am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus). Alle verfügbaren Reporter, Publizisten und Fotografen schwärmten aus in den Osten, um den unerhörten Vorgang des Zerfalls eines ganzen Staates zu beschreiben, zu deuten und zu fotografieren. Nur eine ging den umgekehrten Weg: 1990 reiste Ute Mahler im Auftrag eines westdeutschen Hochglanzmagazins durch die alte BRD auf der Suche nach den dortigen „Brüdern und Schwestern“, wie 40 Jahre lang der Euphemismus für die insgeheim längst aufgegebenen Landsleute im Osten lautete.

Durch zahllose Reportagen, Dokumentarfilme, Bücher, Fotoserien etc. hat sich ein Kanon an Bildern und Geschichten aus der Wendezeit im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Schaut man jedoch genauer hin, spielt sich alles, was diesen Kanon ausmacht, ausschließlich östlich der Elbe ab! Daher erscheint zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls der neugierige Blick einer DDR-Bürgerin auf den Westen als der interessantere, denn diese Perspektive hat Seltenheitswert. Zu fokussiert waren alle auf die enorm spannenden Vorgänge in der dahinscheidenden DDR und zu selbstverständlich war die Diskurshoheit der Westmedien, die wenig Interesse daran hatten, die Wiedervereinigung als gesamtdeutschen Prozess zu verstehen und sich selbst in diesem Kontext neu zu definieren. Die alleinige Bringschuld für die Überwindung der deutschen Teilung oblag aus Westsicht sowieso allein den Ostlern. Die gewöhnlichen Westdeutschen waren von den Vorgängen jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs kaum tangiert. Auf der anderen Seite waren die meisten ostdeutschen Künstler und Publizisten damit beschäftigt, ihre fragil gewordene Existenzgrundlage zu sichern oder sie therapierten ihr jahrelang angestautes Fernweh, indem sie die weite Welt statt Bayern oder Ostfriesland bereisten.

Trotzdem ist es ein Rätsel, weshalb Ute Mahler vorerst die einzige war und blieb, die sich aufmachte, den Teil des Landes, mit dem man sich demnächst wiedervereinigen wollte, (fotografisch) zu erforschen, und das auch nur, weil es ein Auftrag war. War das Desinteresse, das den Westdeutschen oft vorgeworfen wurde und wird, womöglich gegenseitig? Zur historischen Wahrheit gehört ja auch, dass schon bald nach der Euphorie des Herbstes 1989 Ernüchterung einzog. Spätestens, als aus dem Westen die Glücksritter und Profiteure, die Betrüger und zwielichtigen Berater kamen und all der andere Bodensatz der freien Marktwirtschaft in den Osten einsickerte, wich die Freude über den Fortgang der deutschen Einigung dem Befremden und schon bald machte das Wort vom „Besserwessi“ die Runde. Erst die offenen Grenzen machten nun in aller Deutlichkeit sichtbar, wie sehr die Menschen aus beiden Teilen des Landes einander entfremdet waren. Schon bald konstatierte man gar das mögliche Scheitern des Experiments Deutsche Einheit. Der Journalist Mathias Wedel beschrieb im Freitag 1991 seine Sicht auf den Typus des Westdeutschen: „Was für ein Menschenschlag kommt uns aber da aus dem Westen entgegen, was hat der Wirtschaftswunderstaat sich da erzogen! Devote Funktionierer (diese stille, scheinbar „lockere“ Akzeptanz aller Hierarchien), auf private Idylle zurückgeworfene Autisten, durch Ausschluß aus der Gesellschaft verblödete Frauen, renommiersüchtige Schnösel, Ausstattungsaffen. Ich dachte immer, es sei ein Quäntchen Selbstironie dabei, wenn sie Tips verteilen, wie man sich bei einem Bewerbungsgespräch anziehen und wie hoch die Krawattennadel sitzen muß. Ist es aber nicht. Die funktionieren so! Fünfzig Prozent ihrer Kreativität, ihrer Zeit, ihres Geldes, ihrer Libido müssen sie darauf verwenden, mehr zu scheinen, als sie sind. Was das in Mark und Pfennig ausmacht, rechnen sie sofort aus (sie können auch Libido in DM ausdrücken)…

Auch Ute Mahler wich den Klischees über das Leben im Westen nicht aus, sondern suchte gezielt nach ihnen, um sie zu überprüfen und zu hinterfragen. So sind die Orte und Ereignisse, die sie aufsuchte, keineswegs zufällig gewählt: eine Beauty-Farm am mondänen Tegernsee, ein Treffen von Burschenschaftlern sowie der sudetendeutschen Landsmannschaften. Auch das großbürgerliche Münchner Schickeria-Milieu (Mooshammer!), das Phantasialand bei Köln und sogar ein echter Swingerclub, von dem die Fotografin bis dato nicht wusste, was das überhaupt ist, waren Stationen ihrer Reise durch ein fremdes Land. Dass sich ihr überall die Türen öffneten, lag zum einen zweifellos an Mahlers Exotenstatus als Fotografin aus dem Osten. Zum anderen verdankte sich die Bereitschaft der Porträtierten, sich zu offenbaren, sicherlich der Fähigkeit der Fotografin, mit offenem Staunen auf Menschen zuzugehen und einen vorurteilslosen Blick auf deren Leben zu werfen. So sind ihr wunderbare Momentaufnahmen westdeutschen Alltagslebens gelungen. Dass dieser Alltag heute, nach 24 Jahren, seltsam piefig und provinziell wirkt und man sich manchmal gar im tiefsten Osten wähnt, ist wiederum eine andere Geschichte, die mit der Verschiebung der Wahrnehmung durch die Zeitläufte zu tun hat. Bleibt noch zu erwähnen, dass das Magazin, welches den Auftrag für die Bilder gab und sie bezahlte, die Serie am Ende nicht gedruckt hat.

Frank Schirrmeister, Juni 2014

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