Das Schreien der Bilder

Ein Essay über die Notwendigkeit und Grenzen, drastische Bilder aus Kriegsgebieten zu zeigen. Anlass ist Christoph Bangerts Buch „War Porn“.

PDF: Das Schreien der Bilder

Als Bildredakteur einer Tageszeitung hat man regelmäßig das Problem, sich auf dem Bildschirm Fotos ansehen zu müssen, mit denen man eigentlich nicht konfrontiert werden möchte. Im täglichen ungefilterten Strom der Bilder aus den großen Nachrichtenagenturen finden sich mitunter drastische Anblicke von den weltweiten Kriegsschauplätzen, Krisengebieten, Naturkatastrophen und deren Opfern. Da der Bilderstrom nicht vorsortiert oder kategorisiert ist, kommt dann das mit der Machete enthauptete Opfer aus Mali gleich nach den Formel-1-Bildern aus Monaco, die von Bomben getöteten Kinder aus Aleppo folgen den Bildern von der aktuellen Fashion Show aus New York, die verstümmelten Leichen diverser Kriege vermischen sich mit den Society-Events, welche die Nachrichtenagenturen für berichtenswert halten. Als Bildredakteur weiß man, wie Krieg aussieht, und manche Bilder bleiben im Kopf.

Gleichzeitig frage ich mich, wieso die Agenturen solche expliziten Bilder überhaupt anbieten, denn drucken oder auf andere Art verwerten wird sie niemand. Bei aller Unterschiedlichkeit der verschiedensten Medien – in einem sind sich die meisten einig: Der Konsument soll nicht mit allzu drastischen Bildern geschockt werden. Man erinnere sich an den mittleren Skandal, den Magnum- Fotograf Jerome Sessini kürzlich auslöste, als er an der Absturzstelle von Flug MH17 in der Ukraine jede Zurückhaltung aufgab und die Leichen fotografierte, die ringsum in den Feldern verstreut lagen. Selbst vor dem Bild eines Körpers, der durch das Dach eines Häuschens direkt in das Schlafzimmer gefallen war, schreckte er nicht zurück, was vehemente Kritik auslöste – sowohl am Fotografen als auch am »Time Magazine «, welches die Bilder online publizierte.

In den letzten Wochen und Monaten standen und stehen viele Bildredaktionen angesichts der gegenwärtigen Häufung der weltweiten blutigen Konflikte und Katastrophen vor einer ähnlichen Herausforderung wie wir. Aus dem gerade erst beendeten Krieg im Gazastreifen, dem andauernden Bürgerkrieg in Syrien, dem Gemetzel in Irak, dem Konflikt in der Ukraine, von den Selbstmordattentaten in Afghanistan, aber auch aus den Ebolagebieten in Westafrika erreichen uns in der Flut der Bilder täglich Dutzende, die für einen Abdruck in unserer Zeitung nicht in Frage kämen. Sei es, weil sie zu schockierend sind, zu explizit, weil sie die menschliche Würde verletzen, wir sie niemandem zumuten wollen oder schlicht, weil wir befürchten, dass sich die Leser voller Graus von der Geschichte abwenden würden.

Einer, dessen Festplatte voll ist mit Bildern vom Krieg und der sich nicht mehr damit abfinden will, dass die meisten von ihnen ungedruckt bleiben, ist der deutsche Fotograf Christoph Bangert. Geboren 1978, hat Bangert an der FH in Dortmund sowie am International Center for Photography in New York studiert und bereist im Auftrag u.a. der »New York Times« seit Jahren die verschiedenen Kriegsschauplätze. Irgendwann hatte er genug von der, wie er es nennt, Heuchelei der »verweichlichten Erste- Welt-Jammerlappen«, und beschloss, seine eigentlich undruckbaren Bilder in einem Buch zu veröffentlichen. In »War Porn« präsentiert er nun eine Auswahl und fordert uns ultimativ auf hinzuschauen! Im Vorwort des schlicht gehaltenen kleinen grauen Bildbandes präzisiert er seinen Vorwurf an die Medien und an jeden einzelnen: Hauptproblem sei die bereitwillige Selbstzensur. Wir als Bildredakteure seien im Grunde Zensoren und allzu bereit, aus Bequemlichkeit die Schere im Kopf anzusetzen, immer mit der Begründung, das gehe über das hinaus, was man seinen Lesern zumuten könne. Aber auch die Konsumenten und Leser würden die Augen verschließen vor dem Elend des Krieges, um sich selbst zu schützen. Wir sorgten uns, der Akt des Anschauens von grausamen Bildern sei moralisch verwerflich, ausbeuterisch, gar voyeuristisch. Dieser Mechanismus der Selbstzensur, oftmals verwechselt mit Pietät oder Respekt, erscheine auf den ersten Blick wie eine gute, ehrenvolle Sache, sei aber in Wirklichkeit grundverkehrt. »Wir müssen den Mut finden, all die schrecklichen Bilder anzuschauen!«, ruft er uns zu, denn nur so könne man sich später erinnern. Wenn wir uns nicht erinnerten, hätten die Ereignisse nie stattgefunden.

Es fällt schwer, Bangerts eindringlichen Worten etwas entgegenzusetzen und ja, man muss es wohl so sagen: Wir haben kein Recht, uns zurückzulehnen und das Elend in der Welt möglichst gefiltert und magenfreundlich zu konsumieren. Dies umso mehr, als wir demnächst selbst zu Komplizen werden, denn nichts anderes bedeutet es ja, wenn unsere Regierung sich anschickt, Waffen in die Kriegsgebiete zu liefern und sich kein Sturm der Entrüstung im Land erhebt. Wenn Frau von der Leyen im »Zeit«-Interview sagt: »Wichtiger als die Frage, ob und welche Waffen wir liefern, ist die Bereitschaft, Tabus beiseite zu legen«, ist es vielleicht auch für die Medien an der Zeit, Tabus zu brechen und den Menschen auf drastische Weise vor Augen zu führen, welche Folgen diese Politik hat. Insofern wäre es vielleicht sogar notwendig, alles zu tun, um aufzuklären und mit aller gebotenen Deutlichkeit die Schrecken des Krieges aufzuzeigen, mit dem Ziel, auch solche Menschen zu erreichen, die den Weltläuften sonst eher gleichgültig gegenüberstehen. Das vermeintlich moralische Dilemma des Zeigens von Bildern verwundeter oder verstümmelter Menschen ist in Wahrheit keins, denn, wie auch Bangert betont, die meisten Leidtragenden des Krieges wollen fotografiert werden. Sie wollen, dass ihr Leid hinaus in die Welt getragen wird und die Menschen aufrüttelt, denn das ist die einzige Möglichkeit für sie, sich Gehör zu verschaffen. So zynisch es klingt, aber ein Krieg, über den nicht berichtet wird, findet in den Augen der Weltöffentlichkeit nicht statt.

Freilich besteht die Gefahr abzustumpfen, wenn man sich an die expliziten Darstellungen von Kriegsopfern erst einmal gewöhnt hat. Nicht umsonst nennt Bangert sein Buch »War Porn«, denn der Abstumpfungseffekt ist vermutlich ähnlich wie beim zu häufigen Konsum von Pornofilmen oder dem exzessiven Zeitvertreib mit Videospielen. Auf längere Sicht bedarf es immer stärkerer visueller Reize, um überhaupt noch die Aufmerksamkeitsschwelle des Konsumenten zu erreichen, und das ist das wahre Problem mit Gewaltdarstellungen, so aufklärerisch sie wie in diesem Fall auch gemeint sein mögen. Deshalb gibt es letztlich doch Grenzen der Abbildung, die durchaus Sinn ergeben. Vollkommen überflüssig erscheinen mir beispielsweise die Bilder von toten Körpern in den unterschiedlichsten Stadien der Verwesung, welche sich auch im Buch finden. Diese reduzieren sich auf einen Schockeffekt, durch den wir weder mehr über die jeweilige Situation erfahren, noch einen höheren Erkenntnisgewinn erzielen.

Es gäbe noch mehr Aspekte zu diskutieren, sei es die Ästhetisierung von Gewalt durch in ihrer Komposition und Bildsprache gelungene und aussagekräftige Fotografien, oder auch den geheimen Voyeurismus in uns, auf den Bangert mit seinem Buchtitel ebenfalls verweist und der die merkwürdige Anziehungskraft von Bildern, die das Leiden anderer zeigen, meint. Am Ende wird sich in unserer (bild-)redaktionellen Arbeit aber nicht viel ändern, denn die tradierte Haltung, zu viel Blut auf den Zeitungsseiten zu vermeiden, ist stärker. Hinzu kommt, dass die Leser auch in Zukunft selbst entscheiden können sollen, ob sie sich solchen Bildern wie auf dieser Seite aussetzen wollen, vom Aspekt des Jugendschutzes gar nicht zu reden. Das macht den Anspruch Bangerts, uns aus unserer Lethargie zu reißen, nicht weniger ehrenwert.

Christoph Bangert: War Porn, Kehrer Verlag 2014, 29,95 €.

Frank Schirrmeister, September 2014

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