Sehen Sie den Hund?

Die Fotos von Sibylle Bergemann zeigen immer den Menschen hinter der Oberfläche. Jetzt ist ein neuer Bildband erschienen. Eine Rezension.

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Ich kann nicht schlafen, wenn ich an all das denke, was ich fotografieren müsste.« Das soll Sibylle Bergemann 1983 gesagt haben, also lange vor ihren Reisen nach Paris, New York und später, nach der Wende, um die halbe Welt. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass diese Maxime bis zuletzt ihr Denken und Handeln prägte. 2010 ist sie viel zu früh gestorben, aber noch als der Krebs sie fast schon besiegt hatte, fuhr sie für »GEO« nach Afrika und brachte das hier zu sehende Modeporträt aus Senegal mit.

Im vergangenen Jahr wäre die Fotografin 75 Jahre alt geworden. Ihre Bilder werden in diesem Jahr in gleich mehreren Ausstellungen präsentiert, beides Anlass genug für die Erben und den Kehrer Verlag, einen aufwendig gestalteten Bild-Text-Band mit bisher weniger bekannten und unbekannten Bildern zu editieren. Das Buch enthält freilich auch Altbekanntes und viele Klassiker aus verschiedenen Epochen ihres Schaffens, interessant für Jüngere, die Sibylle Bergemann erst entdecken und die umfassende Monografie von 2006, die längst vergriffen ist, nicht kennen.

Eine Annäherung an Sibylle Bergemanns Werk ist ein schwieriges Unterfangen, denn bei allem poetischen Realismus, der ihren Bildern gerne zugeschrieben wird, sind sie gleichzeitig rätselhaft und haben etwas Unergründliches. Vielen galt die Fotografin als scheu, gar unnahbar, auch wenn Leute, die sie näher kannten, von ihrem robusten Humor und lakonischen Witz berichteten. Ein gewisses kommunikatives Talent muss sie gehabt haben, war sie doch seit der Gründung der Ostkreuzschule für Fotografie dort Dozentin und hatte eine eigene Klasse. Eine Frau der vielen Worte war sie auf jeden Fall nicht, sie ließ ihre Bilder sprechen. Diese gehören inzwischen zum Kanon der Fotografiegeschichte. Ihre Langzeitserie über die Entstehung des Marx-Engels-Denkmals in Ostberlin hängt heute im Museum of Modern Art in New York.

Einen größeren Bekanntheitsgrad erlangte Sibylle Bergemann in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit ihren Modefotos für die »Sibylle«, die einzig relevante Modezeitschrift der DDR, die gerade in einer großen Ausstellung in der Kunsthalle Rostock gewürdigt wird (noch bis 17. April). Schaut man sich ihr Gesamtwerk an, ist man erstaunt von der Vielfalt – Mode, Reportage, Essay, Landschaft und Porträt, sie beherrschte alle Sujets. Prägend für ihr Oeuvre waren jedoch neben den Modefotos vor allem die Porträts, wobei die beiden Genres bei ihr kaum zu trennen sind. Auch wenn es vordergründig um Mode zu gehen schien; in ihren Inszenierungen interessierte sich die Fotografin immer eher für den Menschen hinter der Oberfläche. Vor allem Frauen verlieh sie mit ihren Porträts eine Aura, die sich einer kühlen Analyse entzieht. Oder wie es Katharina Thalbach beschrieb: »Sie gab einem so eine Sicherheit. So wie sie einen anguckte, kam man sich schön vor« (aus einem rbb-Interview).

Auch im vorliegenden Band bleiben besonders die Porträts im Gedächtnis haften. Vor allem in ihren späten Arbeiten ist die aus langjähriger Erfahrung herrührende traumwandlerische Sicherheit und Intuition spürbar, mit der Sibylle Bergemann ihre Motive arrangierte und die Bildausschnitte komponierte. Allen Bildern gemein ist diese gewisse Melancholie sowie eine fast schmerzhafte Schönheit und Vollkommenheit der Inszenierung, die jedoch nie ins Kitschige oder allein Stimmungsvolle abgleitet. Immer gibt es eine unerklärliche, geheimnisvolle Ebene, die auf die Fotografin selbst zu verweisen scheint. Mit ihren sanften Pastelltönen wirken viele Bilder, als wären sie einer Traumsequenz entnommen worden. Es ist ein Glück, dass Sibylle Bergemann in ihren späten Jahren noch die Farbe in der Fotografie entdeckte. Sie selbst verabscheute sie über Jahrzehnte als »laut, grell, abscheulich « (Jutta Voigt), doch manchmal sind die Umstände klüger als man selbst, denn ihre Bilder aus Afrika sowie die jüngeren Modefotos sind ohne den Farbenrausch nicht denkbar. Als Bergemann einmal akzeptiert hatte, dass ihre Auftraggeber kein Schwarzweiß mehr wollten, setzte sie die Farbe sehr bewusst als Stilmittel ein und verlieh ihren Bildern damit eine zusätzliche Erzählebene.

Ist mit diesem Bildband nun alles gesagt über Sibylle Bergemann? Wohl kaum: Seit geraumer Zeit sind Tochter und Enkelin der Fotografin mit der Aufarbeitung und Digitalisierung des Nachlasses beschäftigt, was schon aufgrund der Fülle eine Sisyphusarbeit ist, die noch Jahre in Anspruch nehmen wird. Ob es denn auch Überraschungen beim Sichten der Kisten mit den Bildern gibt, wurden die beiden in einem Interview gefragt. Nun ja, antwortete die Tochter, man sieht es nicht immer auf Anhieb, aber es ist wirklich auf vielen Bildern ein Hund zu sehen.

Frieda von Wild, Lily von Wild, Loock Galerie (Hrsg.): Sibylle Bergemann. 22 Farb-, 3 S/W- und 81 Duplexabb., Kehrer Verlag,188 S., geb., 48 €.

Frank Schirrmeister, Februar 2017

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