Liebe in den Zeiten des Neoliberalismus

Seit neuestem schreibe ich auch Filmkritiken, um meiner alten Liebe zum Film – die noch älter ist als jene zur Fotografie – Tribut zu zollen. Hier meine erste ausführliche Kritik – leider ein Verriss. 

PDF: Liebe in den Zeiten des Neoliberalismus

 

Zu dieser Rezension erreichte mich die kritische Mail eines Lesers, der auch selbst Filme rezensiert. Hier seine Beschwerde sowie meine Replik:

Liebe Kollegen,

da ich “In den Gängen” zur Berlinale besprochen habe, möchte ich kurz etwas zur Rezension heute im ND anmerken: Wie kaltschnäuzig, lieblos und instinklos kann man sein, zu behaupten, hiervon müsse sich eine  “Verkäuferin beim Betrachten des Films wirklich veralbert vorkommen”?  Die Monotonie dieser Arbeitswelt, die Einsamkeit des Einzelnen darin und der Versuch einiger Übriggebliebener dagegen (wie in der DDR) eine solidarische Kleinwelt zu stellen (vergeblich, der großartige Peter Kurth zeigt das langsame Aufgeben, den Selbstmord) – einfach vom Tisch geschwischt, so was zu lesen schmerzt. – Selten habe ich in letzter Zeit einen so unsentimentalen und poetischen Blick in die Arbeitswelt erlebt wie in diesem Film.

Beste Grüße
Gunnar D.

 

Lieber Herr D.,

als Autor der Filmrezension hat das Feuilleton Ihre Mail an mich weitergeleitet.

“Kaltschnäuzig, lieblos und instinktlos” – Sie fahren schwere Geschütze auf, werden aber hoffentlich nicht allzu verwundert darüber sein, dass ich selbst mich in diesen Attributen nicht wiederfinde.

Den Film habe ich mir zweimal angeschaut, einmal zur Berlinale und nochmals zur Pressevorführung, um meinem ersten Eindruck die Chance zu geben, sich zu revidieren. Vergeblich. Ich war von Stubers Vorgängerfilm, “Herbert”, sehr angetan, besonders von seiner präzisen und unsentimentalen Milieuschilderung. Umso enttäuschter war ich vom aktuellen Film und den altbackenen Klischees, die er anbietet. Kleines Beispiel gefällig?: Christian steigt ins Haus von Marion ein und findet auf ihrem Schreibtisch ein halbfertiges Puzzle mit karibischem Sonnenuntergang. Ich bitte Sie, was ist das denn für ein abgedroschenes Bild, um ihre Lebensehnsucht zu verdeutlichen!? Über dieses Niveau kommt der Film nicht hinaus und das fand ich sehr schade, denn ich hätte ihn gern gemocht.

Dass die Arbeitswelt so aus der Zeit gefallen scheint, habe ich in der Tat übel genommen, da damit eine große Chance vergeben wurde. Ich muss Sie ja nicht an andere Vorbilder erinnern, zweifellos kennen Sie die Filme der Dardenne-Brüder, von Ken Loach mal gar nicht zu reden. Oder auch Andreas Dresen – seinerzeit. Ich hänge Ihnen mal die Seite Drei des nd von morgen an, falls Sie kein Abo haben. So sieht´s aus in der wirklichen Welt und natürlich kommt sich die Angestellte im Kino veräppelt vor, wenn die Kollegen auf der Leinwand nach Schichtbeginn erst mal in Ruhe ´ne Partie Schach spielen und danach ´ne Fuffzehn machen. Wenn Sie das poetisch finden – na gut, ich find´s unseriös. Die Liebesgeschichte hat mich vor diesem Hintergrund nicht überzeugt, zumal sie ebenfalls über alberne Klischees nicht hinauskomt. Stuber hat m.E. einfach keine überzeugenden Bilder für seine Erzählung gefunden, was möglicherweise an der Vorlage liegt. Die Kurzgeschichte (ich kenne sie nicht) scheint aus den Neunzigern zu sein und genau das strahlt dieser Film aus – deshalb meine Kritk, er sei aus der Zeit gefallen. Alle Figuren, Dialoge, Bilder, die gesamte Geschichte scheint aus den Neunzigern zu stammen, wo man vergleichsweise vielleicht tatsächlich noch Muße bei der Arbeit hatte, vom Beruf des Fernfahrers träumen konnte (heute ist das doch ein Sklavenjob – wer träumt denn noch davon?!) und sich zum Geburtstag Yes-Törtchen geschenkt hat (Kleine Torte statt großer Worte!). Dann kommt der Film aber leider zwanzig Jahre zu spät.

Interessanterweise ist das der zweite Film, der an einem Clemens-Meyer-Stoff gescheitert ist; Andreas Dresen, dessen größter Fan ich seit “Stilles Land” (1992) bin/war, um das gleich klarzustellen, ist mit “Als wir träumten” meiner Meinung nach ebenso gescheitert wie jetzt Thomas Stuber.

Sie vertreten allerdings, das muss ich konzedieren, die absolute Mehrheitsmeinung, denn meine Rezension war wohl weit und breit der einzige Verriss. Schöner Einstand, denn dies war erst die zweite Rezension in meiner noch kurzen Laufbahn als Filmkritiker…

Beste Grüße!

Frank Schirrmeister

Written by web136